Interview mit Ernst Fehr

15.08.2016

Im Interview mit Talin Stoffel und Niklaus Scherr erklärt Wirtschaftsprofessor Prof. Dr. Ernst Fehr, weshalb er die Initiative "Bezahlbare Kinderbetreuung für alle" einen unterstützungswürdigen Vorschlag findet.

Herr Professor Fehr, Sie haben verschiedentlich darauf hingewiesen, dass sich Investitionen in die frühkindliche Bildung lohnen. Worauf beziehen Sie sich dabei?
Fehr: In allen gut informierten Kreisen ist heute bekannt, dass Investitionen in frühkindliche Bildung hohe Erträge abwerfen können und es in der Regel auch tun. Die Zahlen aus unterschiedlichen internationalen Studien zeigen, dass die Renditen für die Gesamtgesellschaft sehr hoch sind. Im amerikanischen Perry Preschool Project zum Beispiel liegt die Rendite bei ca. 1:7. Das heisst, für jeden investierten Dollar hat die Gesellschaft sieben Dollar zurückbekommen. Es handelt sich dabei sogar um eine eher zurückhaltende Schätzung; es gibt Schätzungen, die noch höher sind. Im Perry Preschool Project waren die Erträge besonders hoch, weil es speziell auf sozioökonomisch benachteiligte Schichten ausgerichtet war.

Wenn man das generalisiert und eine solche Massnahme flächendeckend einführt, dann würden die Ertragsraten vielleicht nicht immer bei 1:7 liegen. Sie wären aber immer noch sehr hoch. Solange ich aus einem investierten Franken gesamtgesellschaftlich zwei Franken mache, liegt die Ertragsrate immer noch bei 100 Prozent. Das ist heutzutage bei fast keiner Investition mehr möglich.

Sie bezeichnen frühkindliche Bildung als win-win Situation. Können Sie das erläutern?
Das Schöne an der Förderung der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung ist, dass sie für die Gesellschaft eine win-win Situation ist: Sie erzeugt mehr soziale Gerechtigkeit und sie erzeugt mehr Wohlfahrt für die Gesellschaft als Ganzes. Es gibt also keinen Gegensatz zwischen sozialer Gerechtigkeit und der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt.

Ich muss hier die soziale Ungleichheit nicht über steuerliche Massnahmen beseitigen, welche Arbeitsanreize reduzieren oder vernichten. Je progressiver ein Steuersystem ist, desto geringer sind die Arbeitsanreize. Das ist immer ein traditionelles Argument gewesen gegen zu progressive Steuern. Mit Investitionen in die frühe Bildung kann ich soziale Gleichheit erzeugen oder erhöhen, indem ich einfach denen bessere Chancen gebe, die sonst eher zurückbleiben würden. Es ist also Chancengleichheit, die hier bereitgestellt wird. Und das ist etwas sehr Positives.

Das Interessante an Bildungsinvestitionen ist, dass eben nicht nur derjenige profitiert, der die höhere Bildung bekommt, sondern auch die andern. Das lässt sich am Beispiel des Lesens schön illustrieren: In einer Gesellschaft, in der niemand lesen kann, lohnt es sich auch nicht, Texte zu schreiben. Oder nehmen wir die Sprache: Die ganze Kommunikation beruht darauf, dass wir beide uns verstehen, weil wir eine gemeinsame Sprache gelernt haben. Das geschieht in der Regel von selbst. Aber komplexere Kommunikation, die wir beispielsweise beim Formulieren von Gesetzen oder Vertragsbedingungen brauchen, verlangt ausgeprägte sprachliche Fähigkeiten. Da muss man sehr präzise formulieren können. Es ist daher für die Gesellschaft sehr ertragsreich, hier Kompetenz aufzubauen. Bildungsinvestitionen haben eben, ökonomisch gesprochen, viele positive externe Effekte.

Sie sprechen die soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit an. Welche Rolle spielt da, dass familienergänzende Kinderbetreuung zugänglich und bezahlbar ist?
Eltern aus bildungsnahen Schichten haben häufig höhere Einkommen und sind in der Lage, ihre Kinder in gute frühkindliche Betreuungsstätten zu schicken. Das kostet sehr viel Geld. Eltern aus bildungsferneren Schichten haben diese Möglichkeit in der Regel nicht. Insbesondere auf dem Land ist der Zugang zur familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung eingeschränkt.

Wer soll für die Finanzierung sorgen?
Ich glaube, sehr viele Erträge der frühen Bildung kommen der Gesellschaft als Ganzes zu Gute. Und darum muss die Gesellschaft als Ganzes dafür sorgen, dass es zu diesen Betreuungseinrichtungen kommt, letztlich auch durch staatliche Eingriffe.

Unsere Initiative verlangt, dass die Unternehmen sich mit zwei Promille der Lohnsumme an den Kosten der Betreuung beteiligen. Wir gehen davon aus, dass diese ein unmittelbares Interesse an qualitativ guten und verfügbaren Betreuungsangeboten haben.
Ich glaube, das ist richtig. Das ist auch der Grund, warum grössere Unternehmen dies immer schon gemacht haben. Sie haben damit einen unmittelbaren Vorteil beim Anwerben von Fachkräften. In einer mobilen Gesellschaft werden die Eltern, wenn sie eine Wohn- und Arbeitsortentscheidung treffen, auch die Qualität einer guten Kinderbetreuung in die Entscheidung miteinbeziehen. An der Universität erlebe ich das ganz plastisch: Wenn wir Professoren oder Professorinnen anwerben, dann spielt es eine wichtige Rolle, ob wir den Kindern einen Betreuungsplatz anbieten können.

Nun ist es so, dass kleinere Unternehmen nicht die gesamten Kosten einer solchen Betreuung tragen können. Wenn solche Angebote aus den Erträgen des vorgeschlagenen kantonalen Fonds errichtet werden, können auch KMUs in den Genuss der Vorteile von Kinderbetreuungseinrichtungen kommen.

Ein Stichwort in der aktuellen politischen Diskussion ist der Fachkräftemangel: man müsse dafür sorgen, dass Mütter länger und mit einem höheren Pensum im Arbeitsmarkt bleiben.
Wenn man die Immigration zurückbinden will, gibt es in der Schweiz ein grosses einheimisches Potential, das man besser ausschöpfen kann. Gerade in ländlichen Gebieten scheint es grosse Hindernisse für Frauen zu geben, Teilzeitbeschäftigungen zu finden. Keine Frau ist bereit, eine Arbeit anzunehmen, wenn sie das Gefühl hat, ihre Kindern müssen darunter leiden. Wenn Frauen wissen, dass es ihren Kindern gut geht, dass sie in guten Betreuungseinrichtungen sind, kann dies ein wichtiger Hebel sein, um dieses schlummernde inländische Arbeitskräftepotential stärker auszuschöpfen.

Was sind die Hindernisse?
Ein Hindernis ist ideologischer Natur. Ich bin selber damit konfrontiert worden, wenn ich Vorträge zum Thema gehalten habe: „Sie wollen ja die Kindererziehung verstaatlichen“, hat es da geheissen, wenn ich für frühkindliche Betreuungseinrichtungen eingetreten bin. Mit diesem Argument hätte man auch nie die allgemeine Schulpflicht einführen dürfen. Da gab es auch beachtlichen Widerstand ganz besonders aus bäuerlichen und kirchlichen Kreisen. Der Widerstand gegen die allgemeine Schulpflicht damals war enorm und heute bestreitet niemand mehr, dass das eine grossartige Erfindung war. Wir wissen heute, dass die allgemeine Schulpflicht dazu beigetragen hat, die Volkswirtschaft produktiver zu machen und die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt zu steigern. Denn eine Gesellschaft, in der die Hälfte der Leute nicht lesen und schreiben kann, ist nun mal viel weniger produktiv.

In der Schweiz kommen im Moment insbesondere Kinder aus der Mittel- und Oberschicht in den Genuss von familien- und schulergänzenden Betreuungsangeboten. Bei eher bildungsfernen Schichten löst man die Kinderbetreuung oft familiär. Gründe dafür sind sicher die Kosten, aber auch die Angst vor solchen Angeboten.
Es ist natürlich so, dass in der Schweiz familienergänzende Betreuungsangebote nicht billig sind, insbesondere im Vorschulbereich. Ab vier Jahren übernimmt ja der Schulbereich einen Teil. Aber bis dahin ist schon viel passiert. Bis zum vierten Lebensjahr sind die Ungleichheiten schon geschaffen und die setzen sich ein Leben lang fort. Da gibt es wunderschöne – also wunderschön sind sie nicht, sondern bestürzend – Statistiken, wie sich das über Generationen hinweg fortpflanzt. Die Nachteile, die bereits ein dreieinhalb Jahre altes Kind hat, lassen sich nur noch schwer beseitigen.

Die Initiative möchte die Finanzierung auf eine breitere Basis stellen, um so die Kosten für die Eltern zu senken. Genügt das oder braucht es nicht noch zusätzliche Impulse, um diese Gruppe abzuholen?
Es muss damit auch gelingen, die Eltern aus eher bildungsfernen Schichten zu erreichen, damit sie ihre Kinder auch gerne und mit einem guten Gefühl familienergänzend betreuen lassen. Man muss hier Vertrauen aufbauen. Und man muss ihnen aufzeigen, wie viel sie und ihre Kinder davon profitieren können.

Welche Rolle spielt die Qualität?
Qualität spielt eine wichtige Rolle. Aus Entwicklungsländern wissen wir, dass das blosse Bauen von Schulen und das blosse Anstellen von Lehrern noch keine besseren Schulleistungen bringen. Das gilt ganz generell: Es ist wichtig, dass die Qualität der Betreuung gut ist.

Gilt das für den Vor- und den Schulbereich?
Das gilt für alle Bereiche.

Man muss also Vertrauen aufbauen, es braucht Qualitätsstandards und die Eltern müssen ein gutes Gefühl haben.
Es sollte natürlich auch kostengünstig sein für die Familien. Besonders für Familien, die nicht viel Geld haben, ist es wichtig, dass es nicht viel kostet.

Zum Schluss noch die Frage: Was halten Sie von unserer Initiative?
Aus meiner Sicht ist es ist ein unterstützenswürdiger Vorschlag, von dem ich hoffe, dass er eine Mehrheit findet.

Herr Professor Fehr, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.
Das Interview fand am 3. Mai 2016 statt, die Fragen stellten Niklaus Scherr und Talin Stoffel.