Kibe-Blog Nr. 6: Wer zuhause bleibt, verliert die Verhandlungsmacht

29.08.2016

Mich empört, dass Frauen, die arbeiten wollen, heute noch hinter vorgehaltener Hand als Rabenmütter kritisiert werden, Hausmänner als Weicheier gelten und Lebensmodelle von Eltern, die sich die Arbeit sowohl zuhause als am Arbeitsplatz teilen, zu teuer sind. Die Gleichstellung ist ein unverhandelbares Gut unserer Kultur und darum müssen wir strukturelle Hürden überwinden.

In einem «10vor10»-Interview spricht die Rekrutierungsspezialistin Doris Aebi über die strukturellen Nachteile der Frauen. Die Gründe, warum Frauen ab 30 immer noch weniger verdienen als Männer, ortet sie darin, dass die Schweiz in der Frage der Familiengründung sehr traditionell geprägt ist. Sprich: viele Paare entscheiden sich dafür, dass ein Elternteil – meistens die Frau - zuhause zu bleibt. Aebi stellt zu Recht fest, dass zu hohe Kinderbetreuungskosten dazu führen, dass sich Frauen nach 30 für Familien- und Teilzeitarbeit entscheiden und damit ihre Verhandlungsmacht schwächer ist, wenn sie nach einer Auszeit wieder einsteigen möchten. In der Realität bedeutet das tiefere Löhne und weniger Aufstiegsmöglichkeiten. Dasselbe gilt auch für die Männer, die sich für die Familienarbeit entscheiden. Eine für alle bezahlbare Kinderbetreuung entschärft dieses Problem, da nicht wirtschaftliche Überlegungen die Entscheidung beeinflussen und Eltern echte Wahlfreiheit gewinnen.

Wenn sich die Arbeit nicht lohnt, fällt die Entscheidung zugunsten des traditionellen Rollenbildes. Eltern sollen sich heute aber dafür entscheiden dürfen, Kinder zu haben und einer Arbeit nachzugehen. Menschen mit prekären Jobsituationen kommen glücklicherweise in den Genuss von Subventionen bei der Kinderbetreuung, dank der beide arbeiten können, weil sie auch müssen. Ab einem Eltern-Einkommen von 75'000 (Winterthur) respektive 130'000 Franken (Stadt Zürich) gibt es aber keine staatliche Unterstützung mehr und diese Familien bezahlen bei zwei betreuten Kindern rund einen Viertel des monatlichen Lohns für die Kinderbetreuung – etwa so viel wie fürs Wohnen. Verständlich, wenn sich Paare dann entscheiden, dass jemand ganz zuhause bleibt. Der Wirtschaft gehen so wertvolle Fachkräfte verloren, der Staat finanziert teure Ausbildungen und verzichtet auf Erträge aus der Einkommenssteuer. Entscheiden sich Eltern trotz der hohen Kosten für die externe Kinderbetreuung, profitiert auch die Wirtschaft von diesem Entscheid. Aber sie beteiligt sich nicht an den Kosten. Das wollen wir im Kanton Zürich ändern: Mit einem Betreuungsfonds, der mit Unternehmerbeiträgen gespiesen wird, soll die Kostenlast der Eltern reduziert werden.

Eine kleine Investition, die der strukturellen Ungleichheit entgegengewirkt: damit erhalten alle die Chance, frei zu wählen, ob sie ihre Kinder extern betreut haben möchten oder nicht. Erst echte Wahlfreiheit ist echte Gleichstellung. Darum am 25. September Kinderbetreuung JA!


Dayana Mordasini, Kampagnenteam.